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Die Angst in uns

Wie leicht fällt es Dir, Deine Ansprüche und Bedürfnisse Deinem Gegenüber mitzuteilen?

Tust Du Deine Ansichten ohne Widerstand kund - ohne einen Gedanken daran, was andere denken könnten? Kommunizierst Du offen Deine Gefühle? Zeigst Du Deine Sensibilität und Verletzlichkeit?

Was uns lähmt

 

Nach meiner Auffassung werden heute die meisten Menschen in all ihrem Denken und Tun von Angst kontrolliert.
Erlaubst Du mir, dazu hier eine Begebenheit zu erzählen, die  ich vor kurzem erlebt habe?


Gemeinsam mit meinem Mann und unserem Sohn war ich  für eine Woche zu Besuch bei einer Freundin in München. Mit ihr zusammen  haben wir die Stadt und die Umgebung erkundet.
Als wir an einem Morgen die Planung für den folgenden Tag machten, sprudelte auf einmal eine große Anzahl an Vorschlägen  aus ihr heraus, was wir alles so unternehmen könnten.  Diese Situation und das damit verbundene Gefühl, das sogleich in mir hochstieg, kannte ich ziemlich gut. Plötzlich stand ich vor  einem riesigen Pool an Wahlmöglichkeiten. Was ich augenblicklich spürte, war extreme innere Verwirrung und eine Unfähigkeit, zu reagieren.

 

Und: Es gelang mir, die Situation und mich selbst sofort von außen zu beobachten, in den Zustand der beobachtenden Gegenwärtigkeit zu kommen. Und so war meine Reaktion:


"Würdest Du mir bitte etwas Raum geben? Ich habe momentan noch Probleme beim Treffen von Entscheidungen und wenn ich mit einem Mal eine so breite Palette von Möglichkeiten präsentiert bekomme, zwischen denen ich wählen soll, macht mir das Angst."


Und tatsächlich war diese Antwort neu für mich. Zum ersten Mal habe ich ganz bewusst, ganz klar und ganz ehrlich ausgedrückt, dass mich die Situation gerade ängstigt. Zugegebenermaßen fällt mir  offene Kommunikation noch manchmal schwer, vor allem wenn es darum geht, meine Ansprüche und Bedürfnisse zu artikulieren.

 

Innerlich stoße ich dann an eine Grenze. In solchen Momenten spüre ich eine Art Druck in meiner Brust und ich habe Mühe, zu sprechen.
An dieser Stelle würde mein Verstand jedes Mal am liebsten aussteigen.


Doch mit der Zeit lernte ich: Immer wenn das der Fall ist, steckt dahinter die Angst. Und genau dann gilt es,  über diese Schwelle zu treten!

 

In meinem beschriebenen Beispiel scheint es die Angst vor der Verantwortlichkeit zu sein. Die Angst, ich könnte eine "falsche" Wahl treffen. Angst vor den möglichen Konsequenzen meiner Wahl, die ich ja nicht im Voraus wissen kann. Angst, mein Gegenüber könnte meine Wahl nicht gutheißen. Angst vor Kontrollverlust.

 

 

Was wirkt da im Hintergrund?

 

Der ungetrübte Blick nach innen verrät: Es sind einmal mehr die "alten" Kontexte und Glaubenssätze, die - wie ich gerne sage - Kulissen, vor denen sich das Leben abspielt und auf Basis derer mein Denken und Handeln stattfindet, die hier noch immer wirken (wollen).

 

Denn: Was würde es bedeuten, die Kontrolle zu verlieren? Die Antwort ist: Man könnte mich verletzen - so denkt es zumindest der Verstand (das Ego). Das hat mit der beschriebenen Situation an sich nichts zu tun, sie erzeugt lediglich das bekannte Gefühl und deutet so hin auf diese eingebrannte Urangst des Verstandes, der einzig und allein darauf aus ist, zu überleben. Und dazu ist es für ihn unabdingbar, die Kontrolle zu behalten.

 

Gleichzeitig bestätigt mir die Angst wiederum meine Glaubenssätze, mein altes Selbstbild, ohnmächtig zu sein, wertlos und es gar verdient zu haben, respektlos behandelt zu werden. Ein Teufelskreis und ein raffiniertes Spiel, das der Verstand bzw. das Ego durch diese eingefahrenen Programme mit uns spielt.


Zu kommunizieren, was da  gerade in mir vorgeht, mich offen und verletzlich zu zeigen, unterstützt mich, mit dieser Angst umzugehen und sie letzten Endes aufzulösen bzw. zu transformieren. Dann kann ich einen klaren, neutralen, beobachtenden und wertfreien Blick auf mich selbst werfen und untersuchen, worin die Angst wurzelt.

 

 

Von Wesen zu Wesen

 

Anstatt - wie früher - in den Widerstand zu gehen (mit einer latenten Entwertung und/oder einem verbalen Angriff, "Oh Gott, weiß ich doch nicht, was wir machen sollen...?! Mir egal, entscheide Du!"), habe ich aus meinem Selbst heraus reagiert.
So habe ich uns beiden die Möglichkeit gegeben, dass unsere Wesen miteinander kommunizieren.

 

Dies hat eine gänzlich andere Konsequenz. Die Dunkelheit kann im Licht nicht existieren. Und sobald Du jemandem in Bewusstheit begegnest, ist die Situation klar und durchsichtig.

In Bewusstheit kann keine Unbewusstheit sein. Bewusstheit löst Unbewusstheit auf.

Dein Gegenüber spürt, wenn du bewusst bist und weiß intuitiv, sein Verstand hat hier keine Chance.


Wie wäre es wohl, wenn die Menschheit in allem fortan nicht mehr aus Angst agierte sondern aus Liebe?

Wie klingt die Vorstellung von einem Miteinander, in dem andere nicht länger als bedrohlich  empfunden und angegriffen werden oder ihnen ausgewichen wird, sondern  offene Kommunikation stattfindet, in der jeder ausspricht, was er/sie fühlt.

 

 

Die Formen der Angst


Aus meiner Sicht handelt es sich in den meisten Fällen wohl um das, was man in der Fachsprache als "Paranoia" bezeichnet. Eine vom Verstand künstlich erzeugte Angst, die uns - zumindest aus Sicht des Verstandes - überleben lässt.

 

Die Ursache für die Entstehung dieser synthetischen Angst ist meist in der frühen Kindheit zu finden, wenn die natürliche Wahrnehmung eines Kindes erwacht und auf die Aktionen von in gewöhnlicher Unbewusstheit lebenden Eltern oder Autoritätspersonen trifft. Es ist die Zeit, in der der junge Mensch beginnt, auf Basis von Interpretationen dessen, was ist, seine Kontexte, Glaubenssätze, die Kulissen seines Lebens zu bauen.

 

Ein Kind, das beispielsweise mit extrem dominanten Eltern aufwächst und von Anfang an in einem Prinzip der Fallhöhen lebt, wird daraus seine Lebenskontexte bilden und selber anderen Menschen gegenüber immer Fallhöhen schaffen - auf dominierende oder unterminierende Art und Weise. Die Angst kommt dann, wenn dieser Mensch ein System der Augenhöhe erfährt. Das hat sein Verstand nie kennengelernt und weiß nicht damit umzugehen. Die (Schein-)Sicherheit ist gefährdet, sodass der Verstand auf Alarm schaltet und eine körperliche Reaktion (etwa wie oben beschrieben) stattfindet.

 

Dem gegenüber steht die natürliche Angst. Gemeint ist damit unser naturgegebenes Alarmsystem, das in der Tat unserem physischen Überleben dienlich ist. Wenn mir beispielsweise im Wald plötzlich ein Bär gegenübersteht, ist mein intelligenter Organismus augenblicklich auf "Flucht" ausgerichtet. Jetzt denke ich nicht mehr an die leckeren Beeren, die ich gerade gepflückt habe, sondern nur noch daran, möglichst schnell auf den nächsten Baum zu klettern.

 

 

Die Identifikation aufgeben

 

Der Verstand ist das Instrument, das das Überleben eines Menschen sichert und der Bewältigung des Alltags dient. Stets auf der Hut fürchtet er immer und überall, sterben zu müssen, sobald er die Kontrolle verliert und er die Dinge nicht vorausberechnen kann. Da der Verstand auf Basis von Erfahrungen aus der Vergangenheit agiert, lebt er auch ständig in der Vergangenheit. Die Gegenwart sowie den Zustand der beobachtenden Gegenwärtigkeit kann er nicht erfassen. Man kann sagen, der Verstand fürchtet die Gegenwart.

 

Aus meiner Sicht ist es wichtig, die alten Muster und die Identifikation mit dem Verstand und seiner phobischen Angst aufzugeben. Sie hält uns in der Vergangenheit und versperrt  den Raum für inneres Wachstum.


Ich habe einen Verstand aber ich bin nicht mein Verstand. Und ebenso habe ich Angst, aber ich bin nicht meine Angst.

 

Damit lässt sich die Angst als Indikator verstehen und als Wegweiser nutzen, der auf noch "unbearbeitete" innere Angelegenheiten hindeutet - alte noch wirkende destruktive Glaubenssätze und  Überzeugungen. Auf diese Art können uns unsere Ängste bei unserem inneren Wachstum unterstützen.


Ich mache die Erfahrung, dass ich, salopp gesagt, nicht tot umfalle wenn ich dem Anderen meine Bedürfnisse mitteile, wenn ich Kritik äußere oder ein liebevolles Nein ausspreche.

"Wo Liebe ist, kann keine Angst sein, und wo keine Angst ist, gibt es keine Aggression.
Liebe aber kann nur sein, wenn ich in Klarheit aus dem Kern meines Selbst mich nach außen öffne."

Peter Lauster (*1940), deutscher Psychologe und Autor

© Maria Seidel

© Karsten Droß


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