· 

Ein inneres Grundbedürfnis

Ich will frei sein! Wie oft habe ich diesen Satz schon gedacht? Vor allem in Momenten, die mir genau gegenläufige Gefühle bescheren, wird dieses angeborene Grundbedürfnis deutlich. Wenn sich mir die Kehle zuschnürt, weil eine einzige Frage etwas in mir auslöst, das mich in eine Rechtfertigungsposition drängt oder ich (scheinbar) gezwungen bin, mich äußeren Umständen zu fügen.

Das Thema der Freiheit hat mich schon immer irgendwie begleitet und lange habe ich geglaubt, Freiheit ginge einher mit Grenzenlosigkeit. Ist das tatsächlich so?

Ich denke, jeder Mensch spürt in seinem Innern einen Drang nach völligem Losgelöstsein. Nach Unabhängigkeit.

 

Die Anti-Haltung

In meinem Falle äußerte sich der starke Freiheitsdrang in mir anhand einer inneren Haltung des Rebellentums. Es war die Zeit des Dagegen-seins. Ich hatte das Elternhaus längst verlassen und wollte am liebsten alles anders machen, als es daheim gelebt wurde. Dieser Zustand hielt jahrelang an.

Die Folgen: Ich begann zunehmend, mich von vielen Dingen zu lösen - innen wie außen. Konkret bedeutete dies, dass ich mich materiell immer mehr reduzierte, mich also minimalisierte. Ich stellte viele Elemente des Lebens infrage. Ich feierte keine Geburtstage und kein Weihnachtsfest mehr. Kaufte nur noch Second-Hand und lebte nach dem Motto: Das Nötigste ist gut genug. (Auf einer mir nicht bewussten Ebene.) Und: In der damaligen Situation ging es mir ausgesprochen gut damit. Es hat in mir eine Bewusstheit wachsen lassen (z.B. für Ernährung, Körpergefühl und Konsumverhalten), für die ich dankbar bin.

 

These - Antithese - Synthese

Was ich heute weiß: Das hat (noch) nichts mit Freiheit zu tun, sondern ist lediglich die eine Seite der Medaille. Um am Ende seine Schritte im Leben frei wählen zu können, ist es unabdingbar, das genaue Gegenteil erfahren und gelebt zu haben. Erst wenn der Mensch über die Kehrseite gegangen ist, hat er die Möglichkeit, nach These und Antithese, die Synthese zu leben - also tatsächlich zu leben. In meinem Fall ginge es also um Themen wie Fülle, Konsum, Lust, vielleicht Verschwendung. Und sicher auch Kontrollaufgabe. Und dann ist es mir möglich, in jedem Moment wirklich frei zu entscheiden.

 

Freiheit? Grenzenlosigkeit? Erleuchtung?

Ich denke, der Begriff der Freiheit stark in eine bestimmte Richtung interpretiert. Auch für mich klang dieses Wort lange Zeit nach dem ultimativen, einzig erstebenswerten Zustand. Nach völligem Losgelöstsein, Grenzenlosigkeit, Einssein mit dem Universum, Im-Einklang-sein, ja gar Erleuchtung! Wenn mir zur damaligen Zeit jemand sagte: "Soetwas wie Freiheit gibt es nicht!" oder "Du kannst nie wirklich frei sein.", dann erzeugte das in mir einen Widerstand. Natürlich gibt es Freiheit, ich kann sie selbst wählen!, dachte ich dann. Innerlich wurde ich trotzig. Ich reagierte mit Ablehnung bei so einer Einstellung (diese "Baustelle" meines Lebens zu ergründen, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen). Ich bin ein Mensch, der gerne im Wandel ist. Und gleichzeitig auch wieder nicht. Und trotzdem passiert es. Ständig und fortwährend. So änderte sich auch meine Haltung zum Thema Freiheit.

 

Wenn es Freiheit gibt und es mir möglich ist, frei zu sein, dann bedeutet dies, dass es etwas gibt, wovon ich frei sein kann. Etwas im Außen. Oder auch im Innen. Die Frage ist: Wovon will ich denn frei sein? Was ist es, das mich (scheinbar) einschränkt und behindert? Und impliziert nicht genau die Existens dessen, wovon ich frei sein möchte, dass es Grenzen gibt?

Welchen Wert hat mein Frei-Sein überhaupt, wenn parallel dazu noch immer genau das existiert, was mir nicht guttut, wovon ich mich gelöst habe? Und wenn andere Menschen dem noch immer ausgesetzt sind?

Mit Freiheit geht also stets ein Getrennt-sein einher. Ein Getrennt-sein von ebendem, wovon ich frei bin oder sein will. Solange es Freiheit gibt, werden wir nicht das erreichen, was wir mit diesem Begriff verbinden - all die positiv anmutenden Gefühle. Erleuchtung etwa ginge also noch darüber hinaus und bedeutete somit die Freiheit von allem, sogar von der Freiheit selbst. Überhaupt ist, aus meiner Sicht, so etwas wie Erleuchtung erst dann möglich, wenn alle Begrifflichkeiten und Erklärungen unnötig sind und somit auch alle Bewertungen verschwinden.

 

Worum geht es also eigentlich?

Möglicherweise ist in Bezug auf die Sehnsucht des Menschen nach diesem "Etwas" "Freiheit" ein unpassender Begriff.

 

Auch die Wörter "Unabhängigkeit" und "Losgelöstsein" setzen voraus, dass es etwas gibt, wovon ich unabhängig und losgelöstsein möchte. Was also ist der "richtige" Begriff für das, um was es dem Menschen in seinem Innern geht?

 

Aus meiner Sicht sind wir unserem Ursprung nach tatsächlich frei und unabhängig (wenn wir in dem Zusammenhang diese Begriffe verwenden). So ist es von der Schöpfung gedacht. Wir sollen in Liebe und Freiheit geboren werden und leben. In unserer heutigen Welt, wie sie sich momentan darstellt, im Zusammenhang mit dem derzeitigen Bewusstseinszustand des Menschen als Kollektiv, sind wir nicht frei. Wir leben ständig und permanent in irgendwelchen Grenzen. Die meisten davon schaffen wir uns selbst.

 

Ich denke, es ergibt keinen Sinn, dass der Mensch in Grenzen - welcher Art auch immer - lebt. Er wurde als schöpferisches Wesen geboren. Wir sind in der Lage, unsere Realität selbst zu erschaffen. Wozu sollten da Grenzen dienen? Wären wir alle in unserer vollen Kraft, bedeutete allein diese Tatsache schon die Auflösung aller Grenzen.

 

Also Auflösung?

Apropos! Vielleicht geht es ja genau darum. Um so etwas wie "Auflösung" - auf geistiger Ebene. Oder nennen wir es das Erreichen der höchsten Bewusstseinsstufe. Der Buddhismus etwa spräche von Nirwana. Ein Zeit- und raumloser Zustand, der mit Worten nicht zu beschreiben ist. Möglicherweise kommt das am nächsten heran an das, was den Menschen innerlich umtreibt.


Die Freiheit aber bleibt ebenso - als das, was sie ist.

© Maria Seidel

Kommentar schreiben

Kommentare: 0