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Bye bye Dreadlocks!

Anfang des Jahres 2016 befand ich mich inmitten von unzähligen neuen Gedankenanstößen und Impulsen von außen. Diese zu verarbeiten, für mich anzunehmen und transformatorisch für mich zu nutzen, fiel mir manchmal schwer. Es ist der ungetrübte Blick auf sich selbst, den ich damals zum ersten Mal so richtig wagte. Irgendwann fiel die Entscheidung, das 'Neue Denken' mit einem äußerlich erkennbaren Zeichen zu begrüßen: Ich traf die Entscheideung, meine langen Dreadlocks abzuschneiden.
In einem Interview-Gespräch - geleitet und niedergeschrieben von Karsten Droß - berichte ich jetzt über meinen parallel laufenden inneren Prozess und meine Intention.


 Maria, Was hat Dich damals inspiriert, Dir Dreadlocks zu machen?

 

Maria:

 Das hatte erstmal ganz profane Gründe: Ich wollte immer lange Haare tragen und immer wenn ich draußen war, hat mir der Wind die Haare durcheinander geweht. Und ich mochte es nicht, dass sich die Haare so verknoten.

Und dann habe ich immer öfter Bilder und Leute gesehen, die Dreadlocks trugen und bin dadurch darauf gekommen, man könnte sich Dreads machen. Dann sind die Haare schon irgendwie geordnet, sie fliegen nicht umher, sie sind lang und man kann sie auch mal schnell hochknoten. Aber auch, dass ich sie mit Perlen, Ringen und bunten Bändern verzieren konnte, hat mir Spaß gemacht.

 

Also hat das überwiegend praktische Gründe gehabt?

 

Maria:

 Ja, praktische Gründe kann man sagen.

 

 Und gab es auch Gedanken dazu, etwa: wie wirke ich auf andere oder was drücke ich damit aus?

 

 Maria:

 Also, was den Ausdruck angeht, mein Freund sagte damals zu mir, dass es auf jeden Fall etwas ausdrückt. Und ich weiß nicht mehr, ob das Wort "Rebell" gefallen ist, aber so in die Richtung ging seine Interpretation. Und genau das habe ich immer ein bisschen weggeschoben, das weiß ich noch, das wollte ich nicht hören.

 

Hast Du irgendeine Idee, weshalb Du das nicht hören wolltest?

 

 Maria:

Heute weiß ich, dass es genau der Punkt ist, um den es ging.

 

 Er hat die Rebellin in Dir erkannt und für ihn war es sozusagen folgerichtig, dass Du Dir auch eine Rebellenfrisur machst.

 

 Maria:

 Ja, genau.

 

Wogegen hast Du denn rebellieren wollen?

 

Maria:

 Ich glaube, das liegt noch viel weiter zurück. In der Zeit, in der man sich ausprobiert, sich auslebt und eben auch das Rebellentum gewöhnlicher Weise lebt, die Jugend also, so zwischen 13 bis 18 jahren.

Da war ich ja noch sehr angepasst. Ich will mal behaupten, ich war eine sehr brave Jugendliche und bin meinen Eltern gegenüber nie so richtig über die Stränge geschlagen. Vermutlich hatte ich da noch ein bisschen was nachzuholen (lacht).

 

Also durftest Du denn in Deiner Kindheit trotzig sein, oder solltest Du immer schön brav sein?

 

Maria:

 Ich wurde schon, sage ich mal relativ strikt eingenordet, sodass ich mich da gefügt habe, so vielleicht... angepasst,  ist, denke ich ein gutes Wort dafür, ja.

 

 Du hast ja dann später herausgefunden, dass Trotz und Anpassung zwei Seiten der gleichen Medaille sind und beide emotionale Begleiter. Was hat denn dann den Anlass gegeben, sich von diesen emotionalen Begleitern zu trennen, sprich die Frisur wieder zu ändern und damit den Ausdruck an die Welt?

 

 Maria:

Also erst mal - wenn man rein auf der praktischen Ebene bleibt: Mich hat es irgendwann unheimlich gestört, dass ich nicht mit den Händen durch die Haare gehen konnte. Die hingen immer irgendwie fest und es standen immer so kleine Fusselhaare draußen, die es dann immer wieder einzuhäkeln galt. Und irgendwann wurde es auch zu schwer am Kopf. Und ja: Ich muss schon sagen, dass ich mich manchmal ein bisschen ungepflegt gefühlt habe,  wenn die Haare nicht gemacht waren, speziell wenn etwas herausstand. Irgendwann war für mich klar, dass die Haare demnächst abkommen und ich begann, das Nachhäkeln der Ansätze zu unterlassen, um die Dreads herauswachsen zu lassen und schon ein stückweit "normales Haar" zu haben. Im Film "Gedankenreise TRANSFORMATION" ist es zu sehen, dass die Dreads an den Ansätzen schon recht offen und fusselig waren zu der Zeit.  Ich habe mich zunehmend unwohler gefühlt und war dann tatsächlich auch froh, als sie abkamen. Und dann wurde eben der Rest noch aufgeknotet, um eine schöne Länge für den Kurzhaarschnitt zu haben.

 

Und nachdem Du jetzt die Erfahrung gemacht hast, wie es ist, angepasst zu sein und wie es ist, rebellisch zu sein und sich in diesen beiden Gefühlen oder Gefühlswelten zu präsentieren – was ist denn jetzt der Blick in die Zukunft, was ist die Synthese daraus, aus „Ich überlebe, wenn ich mich anpasse" und "Ich sterbe, wenn ich rebelliere“?
Wie wäre es mit: "Ich lebe, wenn ich meinem Sein 100% Ausdruck verleihe", also wenn ich mich zu 100% zum Ausdruck bringe, so wie ich bin, anstatt zu rebellieren oder mich anzupassen?

 

Maria:

 Ja, das ist ganz zutreffend! Es geht darum, sein Sein zu erforschen und wirklich tief zu gehen und sich immer wieder neu zu befragen. Dreads sind aus meiner Sicht ein krasser Ausdruck und eine Art Identifikation.

 

 Und das ist ja das Spannende. Denn ich sage mal: Im ersten Teil des Lebens entwickelt man seine Persönlichkeit und identifiziert sich mit materiellen Dingen und Glaubenssätzen. Und darum geht es. Das ist eine Identität, das sind Deine emotionalen Begleiter und nicht Dein Sein, entgegen Deinem Wesen sozusagen und es geht darum, das zu entdecken und zu schauen, womit fühle ich mich wohl...

 

 Maria:

 ...ja, und sich in jedem Moment immer wieder neu zu hinterfragen und zu gucken: Bin das ich...

 

oder verbiege ich mich gerade?

 

 Maria:

Ja, ja ja, genau!

 

Ja, super, danke für das Interview!

 

Maria:

Bitte, gerne! (lacht)

© Karsten Droß

© Maria Seidel

 

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