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Die Macht der Vergebung

Wie schwer fällt es uns oft, zu dem zu stehen, was wir getan haben, zu akzeptieren, dass unser Verhalten zerstörerisch war?
Meist betreffen die Konsequenzen unseres vermeintlich "falschen" Handelns unsere Mitmenschen. Es kann aber auch ebenso gut um uns selbst gehen.
Der folgende Artikel berichtet von einer Handlung tiefer Liebe, von blockierenden inneren Ursachen und zeigt, welches Potenzial in der Praxis wahrhaftiger Vergebung steckt.

"Mein Handeln war nicht respektvoll. Es war eigennützig und zerstörerisch. Würdest Du mir bitte verzeihen."

 

Dort wo wir über unsere inneren Grenzen hinausgehen, begegnen wir einander auf der Ebene des Selbst. Auf der Ebene des Seins, des reinen Bewusstseins.
Dort ist es möglich, neue Wege zu beschreiten und gemeinsam mit unserem Gegenüber eine neue Wahl zu treffen.
Wahrhaftige Vergebung schenkt uns ein neues Leben.

 

 

Stehen wir auf der Position desjenigen, der um Vergebung bittet, geht dieser Bitte die Einsicht voraus.

Wir wissen dann: Unser Handeln war destruktiv und wirkte entsprechend auf unsere(n) Mitmenschen.

Diese Einsicht wiederum setzt einen neutralen, klaren und wertfreien Blick auf uns selbst voraus. Wir be- oder entwerten uns selbst nicht für unsere Taten. Wir sehen einfach das, was war und ist. Wir nehmen die Gegebenheiten an und können im vollen Vertrauen und aus unserem Selbst heraus um Vergebung bitten.



Warum es so schwer fällt, um Vergebung zu bitten

 

In den meisten Fällen allerdings gestaltet es sich ganz anders:

Wir spüren, dass wir innerlich an eine Grenze stoßen. Es wäre um so vieles einfacher, am eigenen Standpunkt festzuhalten, überzeugt, dass unser Handeln richtig war. Dass es richtig - gerecht - war, den Anderen zu anzugreifen, zu entwerten, zu verachten.

 

Diese Gedanken zeugen von einer starken Aktivität unseres Egos.

 

Dieser Teil in uns, den wir auch als "das falsche Selbst" bezeichnen können, ist eine Scheinidentität, ein verstandesgeborenes Konstrukt, das auf Basis von Erfahrungen, Interpretationen und Identifikationen sein Dasein nährt.

Sein Ansinnen ist es stets, im Recht zu sein über den eigenen Standpunkt - andernfalls würde es seine Identität verlieren und sterben (so fürchtet es).


Identifizieren wir uns nun unsererseits mit diesem Schein-Selbst und steht eine unbekannte Situation bevor - beispielsweise die Absicht, um Vergebung zu bitten, bei der ja die eigene Haltung infragegestellt wird -, erzeugt es in uns dieses unangenehme Gefühl des An-die-Grenze-Stoßens.

Überschreiten wir diese innere Grenze dennoch wieder und wieder in unserem Leben, lernen wir, dass wir ganz und gar nicht sterben müssen - wie das Ego/der Verstand permanent befürchtet.

Das ganze Gegenteil ist der Fall:
Durch das Verlassen unserer Komfortzone wachsen wir.


Warum es so schwer fällt, zu vergeben

 

Auch hier geht es letztendlich darum, Recht zu behalten. Fällt es uns schwer, unserem Gegenüber oder auch uns selbst eine Tat, eine Entscheidung zu vergeben, passiert dies ebenso aus unserem Ego heraus.
Es möchte einmal mehr auf seinem Standpunkt beharren, da es Angst hat, zu sterben wenn es seine eigenen Grenzen überschreitet und unserem Mitmenschen entgegenkommt.

Können wir uns selbst nicht vergeben, liegt dies daran, dass sich für das Ego ein Gewinn daraus ergibt, wenn weiterhin die Vergangenheit und unsere Taten, die wir bereuen, mit uns herumtragen. 
Möglicherweise identifiziert es sich sehr stark mit der eigenen Geschichte und fürchtet nun wieder, einen Teil seines Wesens zu verlieren.

Verzeihen wir uns selbst nicht, ist Weiterentwicklung unmöglich, da dies einen Schritt über unsere eigenen inneren Grenzen bedeutete. So kann unser Ego weiter in seinem ihm bekannten Rahmen bleiben und seinen Selbstwert aus der Vergangenheit beziehen.
Wir hegen dann weiter die Selbstvorwürfe und zudem möglicherweise sich dadurch ergebende oder bestätigte Glaubenssätze - hier schließt sich der Teufelskreis.

In jedem Fall ist es wichtig, so denke ich, sich von der Identifikation mit dem Ego zu lösen.
Es scheint unsere Aufgabe zu sein, uns immer und immer wieder genau daran zu erinnern:

Ich habe ein Ego - ich bin es nicht.

Dann gelingt es uns, mit neutralem Blick und ohne Wertung, Bewertung oder Entwertung in den Vergangenheit zu schauen und ihr zuzustimmen.

 

 

Jean Baptiste Henri Lacordaire

 

 

Nicht-Reagieren ist Vergebung

 

In Situationen, in denen Du mit latenten oder offenkundigen Vorwürfen konfrontiert bist (jemand beschimpft, entwertet, diffamiert Dich und/oder kritisiert Dein Handeln), verspürst Du wahrscheinlich ein großes Bedürfnis, Dich augenblicklich zu rechtfertigen oder auch zurückzuschlagen und den Anderen nun Deinerseits anzugreifen.

All dies ist ein weiterer Ausdruck des Egos, das sich herabgesetzt fühlt und reparieren will.


Dein Gegenüber hat zuvor ebenso auf Basis seines Egos gehandelt. Es ist also nicht sein wahres Selbst, das Dich dort mit Vorwürfen und verbalen Angriffen konfrontiert. Auch sein Ego will um jeden Preis im Recht sein und sich über den Anderen (in dem Falle über Dich) erheben.

In dem Moment jedoch, in dem Du das Muster erkennst, das Ego entlarvst und aus dem Teufelskreis aussteigst, hast Du deinem Gegenüber bereits vergeben.
Eine kraftvolle Reaktion könnte an dieser Stelle etwa lauten:

"Vielen Dank, dass Du mir Deinen Standpunkt mitteilst."

So entziehst Du dem Ego deines Mitmenschen die Angriffsfläche und gibst somit seinem wahren Wesen und Dir selbst die Chance auf einen Neubeginn. Im Hier und Jetzt.


Ein Akt der Liebe

Wahre Vergebung ist daher ein Akt tiefer Liebe. In Anerkennung der Vergangenheit öffnen wir hier und jetzt die Tür für eine neue Zukunft.
Wahre Vergebung geschieht dort, wo sich die Wesen der Menschen begegnen. Abseits von Gedanken an das Materielle, die Umstände, Äußerlichkeiten, Täter-und Opferdasein oder Vorstellungen von "Richtig" oder "Falsch".

Es ist die Ebene, die gleichzeitig unseren göttlichen Ursprung und unsere Superkraft als Menschen darstellt: Die Liebe.
Zeit- und raumlose Liebe.

Vergebung dient vor allem dem, der vergibt


Halten wir an unserem Standpunkt fest, dass der Andere uns Unrecht getan und verletzt hat, basiert dies auf dem Schuldprinzip. Dasselbe gilt auch hier für Schuldzuweisungen und Vorwürfe an uns selbst.


Derartige Anhaftungen ketten mich an die Vergangenheit und enthalten mir den klaren ins Jetzt gerichteten Blick vor.
Durch das Leben, Handeln und Denken nach dem Schuldprinzip gebe ich der Vergangenheit und den anderen Menschen Macht über mich und entziehe mir selbst die Verantwortung für mein Leben.

All dies geschieht in mir selbst. Mit meinem Gegenüber und der vermeintlichen Freveltat selbst hat es nichts zu tun. Demnach können Anhaftungen an die Vergangenheit - in Form von Schuldzuweisungen und Vorwürfen auch nur in mir selbst aufgelöst bzw. gewandelt werden.

 

Vergebung ist folglich nicht nur dem demjenigen dienlich, der um Vergebung bittet, sondern vor allem demjenigen, der sie schenkt.

Sobald wir aus tiefstem Herzen vergeben, sagen wir Ja zur Vergangenheit, wir stimmen dem zu, was war, ohne es weiter zu bewerten und darin verhaftet zu bleiben. Wir nehmen das Gewesene an und integrieren es.
Damit lösen wir allen inneren Widerstand auf und öffnen uns wieder für das Neue, für das Leben selbst. Und wir heben die Beziehung zu unserem Gegenüber auf eine neue, höhere Ebene.

© Maria Seidel


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